Wie ich mit Rücksetzern umgehe
Marktpsychologie, Trading-Prozess - und warum mir ein Lottogewinn statistisch lieber gewesen wäre
Einführung
Ich habe mir vorgenommen, nicht öffentlich über meine konkrete Performance zu schreiben – und daran halte ich auch weiterhin fest. Jeder Trader hat sein eigenes Risikoprofil und geht unterschiedlich mit Volatilität um. Dies vorweg gesagt, bekräftige ich noch einmal folgendes Zitat, das Lenin in ähnlicher Form zugeschrieben wird: Es gibt Jahrzehnte, in denen Jahre passieren – und Jahre, in denen Jahrzehnte passieren.
Und waren die ersten Monate außergewöhnlich. In den ersten zwei Monaten hatte ich den besten Start seit 30 (!!) Jahren. Seinerzeit hatte ich einen Artikel über den ständigen Nebel an den Börsen geschrieben. Für mich hatte sich dieser Nebel merkwürdigerweise in den letzten Wochen deutlich gelichtet. Wir haben den größten historischen Angebotsschock an Energie; eine Rezession erschien erscheint mir unausweichlich.
Nachdem ich zunächst an der Seitenlinie war (Stichwort: Angelteich), lautete für mich die eigentlich logische Positionierung demnach: maximale Cash-Quote, long Öl, long Agriculture, short S&P. Das Lichten des Nebels hatte auf mein Depot dann aber folgende Auswirkung:
Was in den letzten 10 Tagen passiert ist
Kurz gesagt: etwas Historisches.
Ein Ereignis, das statistisch einem 6‑Sigma‑Event entspricht – also ungefähr so wahrscheinlich ist wie ein Lottogewinn. Nur dass es für mich diesmal nichts zu gewinnen gab.
Vermutlich war es der ultimative Short‑Squeeze: Viele Marktteilnehmer waren short positioniert und wurden durch den ersten Anstieg zum Eindecken gezwungen.
Aber zurück zur Erklärung des Events: Langfristig steigt der Markt. Wer in den letzten 125 Jahren investiert war, erzielte – je nach Index – rund 8 % Rendite pro Jahr. Damit das möglich ist, müssen 10‑Tages‑Perioden im Schnitt leicht positiv sein.
Seit 1950 gab es rund 20.000 überlappende Zehntageszeiträume. Die Performance der letzten 10 Tage zum Mittwoch letzter Woche gehört zu den drei stärksten seit Beginn der Aufzeichnungen.
Aber die Sache wurde noch besser.
In der Statistik spricht man bei der normalen Glockenverteilung von Standardabweichungen, also Sigma. Das meiste spielt sich im Bereich von 1 bis 2 Sigma ab. Donnerstag und Freitag stieg die Börse jedoch weiter. Je nach Modellierung haben wir es nun mit einem Ereignis von sechs (!) Standardabweichungen zu tun. Das entspricht in einer theoretischen Normalverteilung einer Wahrscheinlichkeit in der Größenordnung von eins zu mehreren Millionen und zeigt, wie extrem die Bewegung war – auch wenn solche Wahrscheinlichkeiten an Finanzmärkten nie so sauber sind wie im Lehrbuch.
Was die Rally noch besonderer macht: Es hat vorher kaum einen nennenswerten Markt-Rücksetzer gegeben. Ähnliche Ausreißer waren vor allem in Bärenmarkt-Ralleys zu finden und endeten deutlich unter einem Alltime-High.
Der Markt hat immer Recht
Nochmal zum Verinnerlichen: Der Markt hat meistens immer Recht! Diese Erkenntnis war für meine Evolution als Trader enorm wichtig. Ich werde in Zukunft noch einen Artikel zur Weisheit der Menge schreiben, aber eins vorweg: die Prognosefähigkeit des Marktes ist phänomenal.
Nur ganz selten tun sich Zeitfenster auf, in denen das nicht so ist. Könnte es diesmal so sein?
Wir haben immer noch den größten energetischen Angebotsschock der jüngeren Zeit. Selbst wenn die Straße von Hormuz morgen bedingungslos wieder offen wäre und Trump und Khameni junior zusammen im Sonnenuntergang Golf spielen sollten, ist der Schaden bereits immens. Nachdem zunächst die Ölvorräte auf Wasser und die Landvorräte in Asien (ex-China) dran waren, werden in den nächsten Tagen die Ölvorräte an Land in Europa und Amerika massiv fallen. Einschränkungen werden mit großer Wahrscheinlichkeit kommen.
Während langjährige physische Ölhändler (Profis) die Dramatik beschreiben, spielen die Makro-Strategen (Öl-Touristen) die Lage am Ölmarkt herunter. Die Profis werden von letzteren gern als Barrel-Counter verspottet.
Normalerweise müsste der Ölpreis zunächst explodieren. Eine Rezession wird kommen und die Börse müsste einbrechen. Die Rezession und die hohen Preise würden anschließend zu einer Nachfragezerstörung führen – und dann zu stark fallenden Ölpreisen.
Ist dieses Mal also wirklich alles anders?
Um ehrlich zu sein, habe ich darauf keine Antwort. Obwohl meine Kohorte an erfahrenen Tradern staunend davor steht, wissen wir um die Prognosefähigkeit des Marktes.
Bei der Rezession lege ich mich fest. Die Knappheit an Energie wird enorm sein. Man kann die Mathematik nicht ändern. Ob die -folgerichtig- erwarteten starken Anstiege der Ölpreise und der Einbruch der Börsen kommt, bin ich mir nicht mehr so sicher. Vielleicht gelingt es der Politik diesmal, durch geschickte Interventionen in die Märkte und teilweise Verbote die Gesetzte des Marktes außer Kraft zu setzen - und die Börse hat tatsächlich auch dieses Mal Recht.
Ich spare mir an dieser Stelle weitere Grafiken und Statistiken für die gestiegen Risiken wie Market Breadth, Put-Call-Ratio und Co. zu zeigen und zu kommentieren. Auch werde ich nichts über die kurzfristige Vervierfachung (!) der Mietwagenfirma Avis schreiben, die sehr an die GameStop-Saga aus dem Jahre 2021 und die damaligen Animal-Spirits erinnert. Oder ist Avis inzwischen auch im Bereich der künstlichen Intelligenz aktiv und ich habe das nur noch nicht mitbekommen?
Einigen wir uns also auf folgendes: Der Nebel ist zurück.
Warum ich trotzdem gut schlafe? Risiko-Management
Unter Tradern gibt es eine klare Präferenz, wenn man zwischen zwei Szenarien wählen müsste:
guter Prozess → einmaliges schlechtes Ergebnis
schlechter Prozess → einmaliges gutes Ergebnis
So verrückt es klingt: Viele bevorzugen das zweite Szenario. Warum? Weil ein guter Prozess langfristig gewinnt – und ein schlechter Prozess langfristig ruiniert.
Wenn ich für jede Betonung des Risiko‑Managements auf diesem Blog einen Euro bekommen würde, wäre ich reich. Und zwar ohne zu traden.
Und dennoch, ohne konsequentes Risiko‑Management hätte die vermeintliche Klarheit der letzten Wochen dazu geführt, dass ich meine Jahresgewinne abgegeben oder sogar „Haus und Hof“ verspielt hätte. So aber bleibt der Rücksetzer (Drawdown) überschaubar und das Depot wird geschont. Meine Nerven übrigens auch.
Wie bin ich vorgegangen?
Ich hatte nach dem Rückgang aus dem März erwartet dass die grüne 200-Tage-Linie von unten getestet wird - und hält. Als diese vehement durchbrochen wurde (kleiner Kreis), habe ich kurz oberhalb der blauen 50-Tage-Linie (kleines Oval) den überwiegenden Teil meiner Short-Positionen eingedeckt.
Mein Positionen long Öl und long Agriculture halte ich weiter.
Fazit
Was lernen wir aus allem? Gibt’s nicht, gibt es nicht. 6-Sigma-Ereignisse sind möglich. Wie die meisten Menschen würde ich allerdings den Lottogewinn dem direkten Blitzeinschlag auf freiem Feld in mein geschontes Nervenkostüm bevorzugen.
In diesem Sinne, es bleibt spannend!
Disclaimer: Dies ist keine Anlageberatung. Die dargestellten Inhalte geben ausschließlich meine persönliche Meinung wieder und stellen keine Kauf-/Verkaufsempfehlung dar. Ich kann in den genannten Wertpapieren investiert sein. Investitionen erfolgen auf eigenes Risiko.







