Vorsicht – wir haben nebliges Wetter
Eine Analyse von derzeitigen Indikatoren ergibt wie immer ein diffuses Bild - Zeit etwas vorsichtiger zu agieren?
Wandern im Nebel
Wie schon gesagt: An den Finanzmärkten bewegen wir uns immer im Bereich von Wahrscheinlichkeiten. Eine schöne Analogie lautet: Wir bewegen uns stets im Nebel. Die eigentliche Frage ist nur, wie dicht dieser Nebel gerade ist. Klare Sicht herrscht dagegen fast nie.
Nach der Erwartungswertlehre sollte man eine Anlageentscheidung mit einer positiven Eintrittswahrscheinlichkeit von 80 % eigentlich immer treffen. Das ergibt auch Sinn – wenn ich dieselbe Entscheidung 20-mal treffen kann. Treffe ich sie dagegen nur ein einziges Mal, muss ich immer damit rechnen, dass ich die „20%-Niete“ ziehe.
Kommen wir zurück zum Nebel: Wenn sich die Zinsstrukturkurve invertiert, hat das in der Vergangenheit häufig und recht zuverlässig eine Rezession angekündigt. Nehmen wir an, wir kombinieren dieses Szenario mit restriktiver Fiskalpolitik und acht weiteren Indikatoren. Gehen wir nun davon aus dass von insgesamt zehn Indikatoren acht auf Rot stehen. Eine Rezession erscheint also wahrscheinlich – und ich sollte mich entsprechend positionieren. Aber was ist, wenn es nur sieben Indikatoren sind? Und diesmal nicht Indikator 7 und 9 rot sind, sondern 5 und 6? Genau hier zeigt sich das Problem, kein Setup gleicht identisch dem anderen.
Bear Porn
Ich habe mir einmal notiert, dass die überwiegende Mehrheit der Artikel eher negativ (bearish) gefärbt ist. In den USA spricht man dafür treffend von „Bear Porn“. Das ergibt Sinn: Dramatische Prognosen erzeugen schlicht mehr Aufmerksamkeit.
Hinzu kommt die an der Börse häufig beobachtete Tendenz: „Rauf mit der Rolltreppe, runter mit dem Fahrstuhl.“ Meist steigt der Markt langsam, stetig und eher langweilig – um dann von Zeit zu Zeit deutlich stärkere Rücksetzer zu zeigen. „Bear Porn“ bedient also nicht nur den Mechanismus der Aufmerksamkeit, sondern auch eine starke Emotion: Angst.
Die derzeitige Wetterlage
Vor dem Hintergrund dieses Negativity Bias schreibe ich nun also, dass ich die Entwicklung an den Finanzmärkten in den kommenden Monaten eher skeptisch sehe.
Zunächst einmal ist festzustellen, dass wir zwei sehr gute Börsenjahre hinter uns haben. Ein drittes positives Jahr in Folge ist historisch betrachtet eher unwahrscheinlich. Aus den letzten 100 Jahren lassen sich 98 Dreijahreszeiträume bilden. Je nach Datenbasis bzw. Auswertung gab es beim S&P 500 etwa 10–20 Phasen mit mindestens drei positiven Jahren in Folge.
Auch bewertungstechnisch sind wir aus dem Jahr 2025 mit historisch hohen Niveaus gestartet.
Neblig wird es wieder, wenn man sich den CNN Fear & Greed Index anschaut: Wir befinden uns im Angstbereich. Nach der „reinen Lehre“ bedeutet das eher, dass Anleger unterinvestiert sind – was wiederum eher für steigende Kurse sprechen würde.
Allerdings musste ich 2024 auf die harte Tour lernen, dass weiche Stimmungs-indikatoren (Umfragen etc.) zunehmend unzuverlässiger werden. Die historisch am besten „vorhergesagte“ Rezession aller Zeiten – inklusive inverser Zinsstrukturkurve – kam am Ende einfach nicht.
Im Gegensatz zu diesen weichen Indikatoren stehen Hard Data. Hier zeigt sich, dass die Cash-Bestände historisch niedrig sind. Es fehlt also an Munition für größere Nachkäufe.
Der Barclays-Positionierungsindikator signalisiert zudem, dass sich die Positionierung im 94. Perzentil befindet – also wenig Raum für Fehler lässt.
Andererseits bekommen die Amerikaner möglicherweise neue Munition: Donald Trumps „Big Beautiful Bill“ wird dazu führen, dass in den kommenden Wochen spürbare Steuererstattungen fließen.
Und auch die zunehmende Marktbreite spricht eher für steigende Kurse. Die Advance-Decline-Linie (ADL, untere/blaue Linie im Chart) hat neue Höchststände erreicht.
Fazit
Auch wenn das Gesamtbild wie immer diffus ist, neige ich derzeit zu einer eher vorsichtigen Herangehensweise. Meine Cash-Bestände sind daher “historisch” hoch, und ich habe Absicherungen über den MNQ-Futures-Kontrakt auf die Nasdaq sowie über SPY-Puts aufgebaut.
Bei den Puts erscheint es mir aktuell sinnvoll, eher in-the-money oder über Put-Spreads zu gehen, da die Volatilitäten nicht mehr niedrig sind. Der VIX liegt immerhin bei 21.
Gleichzeitig bleibe ich flexibel – denn der Markt hat immer recht und geht in der Regel nach oben. Sollten die Quartalszahlen von Nvidia positiv ausfallen und Donald Trump seine „Armada“ vor Iran wieder nach Hause schicken, könnte der S&P 500 durchaus wieder nach oben drehen.
Steigt der Index nachhaltig über die rote Linie bei ungefähr 7.000 Punkten, werde ich meine Absicherungen zurückfahren.
Disclaimer: Dies ist keine Anlageberatung. Die dargestellten Inhalte geben ausschließlich meine persönliche Meinung wieder und stellen keine Kauf-/Verkaufsempfehlung dar. Ich kann in den genannten Wertpapieren investiert sein. Investitionen erfolgen auf eigenes Risiko.









