Opa macht ein schlechtes Hedging-Geschäft
Ein aktuelles Praxisbeispiel zur Depotabsicherung mit Put-Optionen
Vorbemerkung
Die meisten Anleger traden aufgrund der Möglichkeiten ihres Brokers oder wegen noch nicht vorhandener Kenntnisse vor allem long, verdienen also an steigenden Kursen. Dass ich meinen Blog in einer Phase gestartet habe, in der es für die meisten Anleger auf diese Weise wenig zu gewinnen gibt, ist für meine Literatenkarriere eher ungünstig. Dennoch bleibe ich bei meiner Base-Case-Annahme, dass fallende Kurse in den nächsten Wochen am wahrscheinlichsten sind.
Ich habe das Problem die schöne Aufgabe, in der engeren Familie bei Anlagethemen begleitend zur Seite zu stehen. Nehmen wir also unseren fiktiven Opa. Opa hat sein Depot bei der Hausbank auf dem Dorf, und ein Wechsel zu einem Broker in London ist für ihn ungefähr so vorstellbar wie für mich ein Einkaufsbummel bei IKEA am Samstag. Gleichzeitig besteht aber der Wunsch, das bestehende Aktienportfolio zumindest teilweise gegen fallende Kurse abzusichern.
Genau darum geht es in diesem Beitrag.
Was bedeutet Hedging?
Das Wort Hedging entstammt dem englischen Wort hedge (Hecke) und meint im übertragenen Sinn: etwas absichern. Im Finanzbereich sind damit Absicherungsgeschäfte gemeint, mit denen bestehende Positionen geschützt werden sollen.
In Opas Fall wollten wir bestehende Aktienpositionen, die wir aus steuerlichen und emotionalen (ganz schlecht ###!!!) Gründen nicht verkaufen wollten oder konnten, gegen fallende Kurse absichern.
Ich sehe Hedge-Positionen immer ein wenig wie eine Versicherung, die ich zahlen muss, um mein Haus abzusichern. Problematisch wird es natürlich dann, wenn ich mein Haus absichern will, mir aber statt einer Gebäudeversicherung eine Autoversicherung kaufe.
Und damit sind wir beim Kernproblem.
Warum Korrelationen beim Hedging so wichtig sind
In der Finanzwelt gibt es viele Anlageklassen und Einzelwerte, die sich über bestimmte Zeiträume ähnlich bewegen. Man spricht dann von Korrelation. Das bedeutet nicht, dass ein Wert den anderen verursacht. Es bedeutet nur, dass sich beide statistisch häufig in eine ähnliche Richtung bewegen.
Ein naheliegendes Beispiel wäre der Zusammenhang zwischen dem Goldpreis und Goldminenaktien. Steigt der Goldpreis deutlich, profitieren Minenbetreiber oft ebenfalls. Solche Beziehungen sind nicht perfekt, aber sie sind zumindest fundamental nachvollziehbar. Die Theorie geht von bestimmten Korrelationen von Anlageklassen aus. Ein Beispiel stellt folgende in die Jahre gekommene Korrelationstabelle dar, wobei grüne Werte (gegen eins) auf hohe Korrelationen deuten sollen.
Daneben gibt es aber auch deutlich kuriosere Zusammenhänge. So sollen angeblich Cannabisaktien mit Aktien von privaten Gefängnisbetreibern oder Kryptowährungen eine gewisse Korrelation haben.
Wichtig ist außerdem: Korrelationen sind nicht stabil. Sie können sich im Zeitverlauf verändern oder zeitweise sogar komplett auflösen. Genau deshalb ist Hedging so anspruchsvoll. Wer heute mit einem Instrument absichert, das gestern gut gepasst hat, kann morgen trotzdem danebenliegen.
Das Grundproblem in unserem Fall
Wenn ein Depot vor allem aus Finanz- und Chemiewerten besteht, ist es nur bedingt sinnvoll, dieses Depot mit einer Position auf einen stark technologiegeprägten US-Index oder gar mit einer einzelnen Technologieaktie abzusichern.
Warum? Weil dann nicht das eigene Depot abgesichert wird, sondern ein ganz anderes Risikoprofil.
Ein marktgewichteter Index wie der S&P 500 wird stark von großen US-Technologiewerten beeinflusst. Wer also ein eher „old economy“-lastiges Depot mit einem solchen Instrument absichern will, baut unter Umständen eine Versicherung ein, die in der entscheidenden Marktphase gar nicht so reagiert wie das eigentliche Depot.
Noch extremer wird dieses Problem, wenn die Absicherung nicht über einen Index, sondern über eine einzelne Aktie läuft.
Die Idee: Absicherung über NVIDIA-Put-Optionen
Im Opas Fall war die Auswahl an Absicherungsinstrumenten begrenzt. Der Broker ließ nur Optionen auf Einzelaktien zu. Um dennoch ein Gefühl von zusätzlicher Sicherheit zu schaffen, wurde eine Put-Option auf NVIDIA gewählt.
Eine Put-Option gewinnt grundsätzlich an Wert, wenn der Kurs des zugrunde liegenden Basiswerts fällt. Die Überlegung dahinter war also: Wenn der Markt schwächer wird, könnte auch NVIDIA fallen und die Put-Option einen Teil der Depotverluste ausgleichen.
Das klingt auf den ersten Blick nachvollziehbar. Aus meiner Sicht ist diese Konstruktion aber problematisch.
Warum ich diese Absicherung für unpassend halte
Der zentrale Einwand ist einfach: NVIDIA ist nicht das Depot.
Selbst wenn das allgemeine Marktumfeld schwach ist, muss NVIDIA nicht im gleichen Ausmaß fallen wie das eigene Portfolio. Es ist sogar denkbar, dass der Gesamtmarkt unter Druck gerät, während NVIDIA aufgrund starker Geschäftszahlen, neuer Produkte oder eines anhaltenden KI-Narrativs stabil bleibt oder sogar steigt.
In diesem Fall würde die Absicherung nicht nur versagen, sondern zusätzliche Verluste verursachen:
Das eigentliche Depot fällt.
Die Put-Option auf NVIDIA verliert ebenfalls an Wert, weil NVIDIA nicht fällt oder sogar steigt.
Dann hat man weder das Portfolio wirksam abgesichert noch die Kosten der Absicherung vermieden.
Genau deshalb ist die Auswahl des richtigen Hedge-Instruments so entscheidend.
NVIDIA-Put-Option
Ich werde in den Kaninchenbau der Optionen mit all ihren Feinheiten noch zu einem späteren Zeitpunkt hinabsteigen. An dieser Stelle genügt es, dass wir uns folgendes Produkt ansehen: eine Put-Option (WKN: FE02W9, DE000FE02W92). Die Nennung des konkreten Produkts erfolgt ausschließlich zur Veranschaulichung und stellt keine Produktempfehlung dar. Das heißt, sie sollte an Wert gewinnen, wenn NVIDIA fällt.
Weiterhin sei erwähnt, dass wir eine Option gewählt haben, die im Geld ist. Das heißt: Sie hat einen inneren Wert. Was bedeutet das?
Die Option hat einen Strikepreis von 210 US-Dollar. NVIDIA notiert aktuell bei ca. 177 US-Dollar. Der innere Wert liegt also bei 33 US-Dollar. Warum? Ich könnte die Aktie sofort am Markt für 177 US-Dollar kaufen und dürfte sie über die Put-Option zu 210 US-Dollar verkaufen. Daraus ergibt sich ein entsprechender theoretischer Gewinn von 33 US-Dollar, was dem inneren Wert entspricht.
Warum habe ich eine Option im Geld gewählt? Je höher der innere Wert ist, desto weniger Rolle spielt der Zeitwert. Da Versicherungen bekanntlich bei nahenden Stürmen teurer sind, will ich aufgrund der aktuell hohen Volatilität möglichst wenig teuren Zeitwert bezahlen. Meine Option kostet 35 US-Dollar, und davon sind 33 US-Dollar innerer Wert.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch die Laufzeit. Meine Option hat eine Restlaufzeit bis zum 18. Juni.
Abschließend sei noch das Bezugsverhältnis erwähnt. Das Bezugsverhältnis ist zehn zu eins. Ich kann also beispielsweise 10 Optionen zu €3,05 (ca. 3,50 US-Dollar) kaufen. So gebe ich ungefähr die oben beschriebenen 35 US-Dollar aus um eine NVIDIA-Aktie abzubilden.
Wie bin ich dadurch aufgestellt?
Die Option hat ein zur Zeit ein Delta von -0,81. Mit 100 Optionen habe ich also aktuell ein Exposure, das einer Short-Position von 8,1 NVIDIA-Aktien entspricht. Sollte NVIDIA jetzt um 10 US-Dollar fallen, wird meine Optionspaket von 100 Optionen um ungefähr 80 US-Dollar steigen, also aktuell ungefähr 430 US-Dollar wert sein. Im Gegenzug wird meine Option um 80 US-Dollar fallen, wenn NVIDIA um 10 US-Dollar steigt.1
Welche Szenarien ich überdenken sollte
Ich habe für meine 100 Optionen 350 US-Dollar bzw. €305 ausgegeben. Am 18. Juni ist der Zeitwert vollkommen verschwunden und es gibt nur noch den inneren Wert. Demnach sollten wir folgende Szenarien beispielhaft überdenken (am 18. Juni):
NVIDIA liegt unverändert bei 177 US-Dollar. Die Position ist 330 US-Dollar wert. Ich habe 20 US-Dollar Verlust wegen des aufgebrauchten Zeitwertes. Der innere Wert ist gleich geblieben.
NVIDIA legt um 10 US-Dollar zu. Meine Position wäre noch 250 US-Dollar wert. Verluste sind durch den verbrauchten Zeitwert und eine Verringerung des inneren Wertes entstanden.
NVIDIA legt um 20 US-Dollar zu. Position 170 US-Dollar .
NVIDIA fällt um 10 US-Dollar. Position 410 US-Dollar (Verlust Zeitwert versus Gewinn innerer Wert).
NVIDIA fällt um 20 US-Dollar. Position 490 US-Dollar.
Gerade an dieser Stelle zeigt sich, wie wichtig -hier grob vereinfacht- Szenarioanalysen sind. Denn eine Option verhält sich eben nicht wie eine Aktie, und schon gar nicht wie eine lineare 1:1-Absicherung.
Wichtig in diesem Zusammenhang sei auch noch zu erwähnen dass ich die Optionen jederzeit verkaufen kann. Ich muss sie nicht bis zum Laufzeitende halten. Die Szenarien wären auch zu jedem anderen Tag innerhalb der Laufzeit ähnlich.
Ein paar Worte zu NVIDIA
Meine komplizierte Liebesbeziehung zu Technologiewerten und eine Beschreibung von NVIDIA habe ich an anderer Stelle bereits ausführlicher dargestellt. Mittlerweile liegt NVIDIA unter der 200-Tage-Durchschnittslinie (grüne Linie im Chart). NVIDIA muss also nicht zwingend nur ein reines Absicherungsgeschäft sein, sondern kann – wie in meinem Fall – auch ein normaler Short-Trade sein.
Abschließende Bemerkungen
Warren Buffett hat in seinem Aktionärsbrief von Berkshire Hathaway 2002 Derivate als „finanzielle Massenvernichtungswaffen“ bezeichnet. Dem stimme ich nur teilweise zu. Das Grundproblem liegt aus meiner Sicht eher in der Fehlannahme, dass eine 300-Euro-Position in einer NVIDIA-Option dasselbe sei wie eine 300-Euro-Aktienposition in NVIDIA. Das ist eben nicht so.
In unserem Beispiel würde eine 300-Euro-Optionsposition eher ein bestimmtes, vom Delta abhängiges NVIDIA-Exposure von 1.433 US-Dollar darstellen. Fällt die theoretische Aktienposition um 10 % (143 US-Dollar), fällt oder steigt meine Optionsposition eben nicht ebenfalls um 10%, sondern sehr grob vereinfacht dargestellt um die besagten 143 US-Dollar. Hebelwirkung. Genau darin liegt die Komplexität.
Abschließend möchte ich noch sagen, dass mein fiktiver Opa diesen Text vermutlich nicht verstehen würde. Er sollte sich also sehr gründlich mit Optionen auseinandersetzen, bevor er sich dieses hochkomplexe Anlageprodukt ins Depot legt.
Vielleicht wäre aber auch ein Ansatz denkbar, dass man mit einem wirklich (wirklich!) kleinen Lernbudget ein paar Optionen kauft, um das ganze unter realen Bedingungen im eigenen Depot verfolgen zu können.
Disclaimer: Dies ist keine Anlageberatung. Die dargestellten Inhalte geben ausschließlich meine persönliche Meinung wieder und stellen keine Kauf-/Verkaufsempfehlung dar. Ich kann in den genannten Wertpapieren investiert sein. Investitionen erfolgen auf eigenes Risiko.
Wie gesagt werde ich die Feinheiten von Optionen noch zu einem späteren Zeitpunkt vorstellen. Einfachheitshalber habe ich den Effekt des sich verändernden Deltas hier weggelassen.





