Q4 2026-Zahlen: Ist NVIDIA ein Kauf?
Eine Analyse von NVIDIA soll helfen mein Trauma zu überwinden - aber stimmt das Chance-Risiko-Verhältnis?
Mein Problem mit Technologiewerten
Ich gebe es zu: Ich habe ein gestörtes Verhältnis zu Technologiewerten. Das ist teilweise historisch bedingt. Rund um die Jahrtausendwende war ich beruflich in Kalifornien. Von 1996 bis Anfang 2000 hatte ich viel Geld an den Börsen verdient – bis ich es wieder verloren hatte. Das Platzen der Dotcom-Blase habe ich live vor Ort miterlebt.
Bis heute tue ich mich schwer damit, in teure Technologieaktien mit hohen Wachstumsraten zu investieren. Immerhin habe ich diese Schwäche erkannt und die Newsletter, die ich lese, teilweise angepasst, um aus meiner Voreingenommenheits-Blase herauszukommen.
Um meine neuen Vorsätze in die Tat umzusetzen und vor dem Hintergrund der aktuellen Quartalszahlen analysiere ich im folgenden NVIDIA, und überlege ob sich ein Investment aus meiner Sicht lohnt.
Wer sich denkt, „NVIDIA interessiert mich nicht“, sollte dennoch nicht gleich weiterblättern. Zufällig einen Index-ETF auf den MSCI World, den S&P 500 oder den Nasdaq 100 im Depot? NVIDIA ist als Schwergewicht keineswegs unbeteiligt an der Entwicklung dieser ETFs. Die Gewichtung von NVDA liegt – je nach Quelle und Datenlage – in obiger Reihenfolge bei etwa 5 %, 8 % beziehungsweise 13 %.
Die Erfolgsgeschichte von NVIDIA
NVIDIA produziert Chips und ist mit einer Marktkapitalisierung von rund 4,5 Billionen US-Dollar das teuerste Unternehmen der Welt. Zum Vergleich: Das deutsche Bruttoinlandsprodukt lag 2024 bei 4,27 Billionen US-Dollar. Die Aktie hat sich in den vergangenen zwei Jahren mehr als verzehnfacht – und das nicht ohne Grund. Die Gewinne sind massiv gestiegen, während sich die Bewertungskennzahlen gar nicht in gleichem Maße ausgedehnt haben. So ist beispielsweise das Verhältnis von Unternehmenswert zu Umsatz (EV/Sales, also vereinfacht eine Art KUV) relativ konstant geblieben.
Der Bull Case
„Künstliche Intelligenz ist revolutionär und wird alles verändern.“ Oder: „Die AI-Bubble-Crowd hat nicht die leiseste Ahnung von der Dimension des KI-Infrastrukturausbaus.“ So oder ähnlich lauten derzeit viele Kommentare.
Und ganz falsch ist das nicht. NVIDIA verfügt über enorme technologische Vorsprünge. Der Konzern hat seine Umsätze im Vergleich zum Vorjahr erneut fast verdoppelt.
Überhaupt fällt auf, dass bei NVDA das Kurs-Gewinnverhältnis (KGV) und das Kurs-Umsatzverhältnis (KUV) nicht weit auseinander liegen. Das ist äußerst ungewöhnlich. Grund ist die operative Gewinnmarge von 75% (!!).
An der Börse wird allerdings nicht die Vergangenheit gehandelt, sondern die Zukunft. Doch auch dort sieht es auf den ersten Blick -zumindest für die nahe Zukunft- rosig aus: Die Hyperscaler – Meta, Amazon, Microsoft und andere – setzen voll auf KI und weiten ihre Investitionsausgaben in 2026 massiv aus. Entsprechend schreibt der Markt seine Umsatzerwartungen immer weiter nach oben. Allein seit November 2025 wurden die Umsatzschätzungen für die kommenden zwölf Monate von 290 Milliarden US-Dollar auf 364 Milliarden US-Dollar angehoben.
Ein zusätzlicher Rückenwind für NVIDIA ist die Popularität passiver Investments. Anleger stecken immer mehr Geld in Index-ETFs. Aufgrund der hohen Gewichtung im S&P 500 entsteht für NVIDIA ein zusätzlicher Sog: Fließt Geld in den Index, fließt automatisch auch Geld in die Aktie.
Der Bear Case
Ich möchte nicht missverstanden werden: Genauso wie das Internet vor 20 Jahren wird auch KI unser Leben dramatisch verändern. Und NVDA ist ein fantastisches Unternehmen. Die entscheidende Frage ist nur, ob das automatisch bedeutet, dass es heute auch ein gutes Investment ist. Oder wiederholt sich die Geschichte? Cisco lässt grüßen. Dotcom 2.0?
Warnende Stimmen gibt es jedenfalls genug. Schon das jüngste Memo des legendären Howard Marks deutet in diese Richtung (Memo Howard Marks).
Speziell bei NVIDIA stellt sich die Frage, ob Umsätze und Gewinne tatsächlich lange genug in diesem Tempo weiterwachsen können, um eine Bewertung von etwa dem 12-Fachen des Umsatzes der nächsten zwölf Monate zu rechtfertigen – gerade bei einem Unternehmen dieser Größe. Oder muss sich der Konzern zunehmend strecken, um die hochgesteckten Erwartungen überhaupt noch zu erfüllen?
Fraglich ist auch, ob die Hyperscaler als Kunden ihre Investitionen 2027 noch einmal so stark ausdehnen können wie 2026. Immerhin können diese Investitionen aufgrund ihrer enormen Höhe neuerdings nicht mehr aus den laufenden Cashflows finanziert werden.
Kritik gab es zuletzt auch an der Finanzierung von Kunden durch NVDIA. Wurde hier nachgeholfen um seine Umsätze hoch zu halten?
Auch auf der Lieferantenseite bestehen offene Fragen: NVIDIA fertigt seine Chips im Wesentlichen nicht selbst, sondern lässt sie vor allem vom weltgrößten Chiphersteller TSMC in Taiwan produzieren. Aus den bei der SEC eingereichten Unterlagen (Form 10-K) lässt sich erkennen, dass NVIDIA seine Abnahmeverpflichtungen gegenüber TSMC deutlich erhöhen musste.
Und überhaupt: TSMC. Die geopolitischen Risiken nehmen zu. China hat immer wieder klargemacht, dass es Taiwan als abtrünnige Provinz betrachtet. Es gibt Analysten, die einen Angriff auf Taiwan im Jahr 2027 für möglich halten. Ist dieses Risiko in irgendeiner Weise eingepreist?
Oder sind das alles nur Haare in der Suppe?
Meine Meinung
NVIDIA ist ohne Zweifel ein außergewöhnlich erfolgreiches Unternehmen. Ich stelle aber die Frage nach dem Chance-Risiko-Verhältnis. Wo liegt die Asymmetrie? Allein aufgrund seiner schieren Größe erscheint weiteres dramatisches Kurswachstum zunehmend schwierig.
Wenn Umsätze und Erwartungen weiter so stark steigen wie bisher, kann die Aktie in den nächsten zwei bis drei Jahren natürlich noch einmal 30 bis 40 Prozent zulegen- wenn alles gut läuft. Dem stehen allerdings erhebliche Risiken gegenüber: technologische Umbrüche – Disruption gehört im Silicon Valley zum Alltag –, ein mögliches Abflauen des KI-Infrastrukturausbaus und das nicht zu unterschätzende geopolitische Risiko.
Auffällig ist zudem, dass die Aktie trotz sehr guter Zahlen nicht überzeugend reagiert hat. Good news, bad price action ist an der Börse immer ein Warnsignal.
Auch der Chart fällt auf: Seit Oktober hat die Aktie keine neuen Höchststände mehr erreicht. Pessimisten erkennen darin bereits eine Topping-Formation. Es gilt die alte Börsenregel: Tops sind ein Prozess, Bottoms ein Ereignis.
Auch wenn ich perspektivisch etwas mehr im Technologiebereich investieren sollte neige ich im Moment bei NVDIA eher dazu, die Aktie perspektivisch zu shorten - also auf fallende Kurse zu setzen. Eine alte Merkhilfe lautet allerdings: Shorte nur, wenn eine Aktie unter der 200-Tage-Linie notiert. Frei nach dem Motto: Unter der 200-Tage-Linie entsteht selten etwas Gutes. Das ist bislang noch nicht der Fall. (Die grüne Linie stellt den gleitenden Durschnitt der letzten 200 Tage dar.)
Wie könnte ein Short konkret aussehen? Eigentlich kommt hier nur ein Put-Spread in Frage. Die Volatilität ist für einen einfachen Put zu hoch, und was direktes Shorten von Einzelaktien anbetrifft ist spätestens seit dem GameStop-Short-Squeeze jedem klar, dass dies in den Ruin führen kann.
Mein Fazit: The jury is out. Time will tell. Vielleicht hat der umtriebige CEO noch ein paar Asse im Ärmel (siehe unten). Aber vielleicht sehen wir uns demnächst auch unterhalb der 200-Tage-Linie wieder.
Disclaimer: Dies ist keine Anlageberatung. Die dargestellten Inhalte geben ausschließlich meine persönliche Meinung wieder und stellen keine Kauf-/Verkaufsempfehlung dar. Ich kann in den genannten Wertpapieren investiert sein. Investitionen erfolgen auf eigenes Risiko.









