Nescafé - gegessen wird immer!
Eine Analyse von Nestlé und die überraschende Erkenntnis, dass ausgerechnet Optionen manchmal die vorsichtigere Wahl sind.
Vorwort
Die Sommerferien haben begonnen und wir werden in die USA reisen. Ich werde mir daher eine -teilweise- schöpferische Auszeit vom Markt nehmen und ab Mitte September wieder loslegen.
Bis dahin allen schöne Sommerferien.
Einleitung
„Gegessen wird immer“, oder getrunken.
Der Ausspruch wird gelegentlich Warren Buffett zugeschrieben. Ob er ihn tatsächlich genau so gesagt hat, lässt sich allerdings nicht zweifelsfrei belegen. Zu seinem Anlageverhalten würde er zumindest passen: Seine Investments in Coca-Cola, See’s Candies und Kraft Heinz zeigen, dass er dem menschlichen Grundbedürfnis nach Kalorien grundsätzlich einiges abgewinnen kann.
Im Folgenden gebe ich eine kurze Einführung in die Nahrungsmittelindustrie gefolgt von einer Analyse von Nestlé im Speziellen. Die Analyse fällt etwas kürzer aus, da ich den Fokus vor allem auf eine mögliche Umsetzung des Trades legen will.
Schon mal vorweg: Nestlé ist für mich aktuell kein zwingender Kauf. Es geht dann um folgende Frage: Was mache ich mit einer Aktie, die ich grundsätzlich gut finde, aber zum aktuellen Kurs noch nicht unbedingt kaufen möchte? Kann ich trotzdem profitieren?
Dazu stelle ich die Strategie des Cash-gedeckten Put-Verkaufs vor und zeige, dass diese die logische Beantwortung der vorigen Frage sein kann. Und keine Sorge: Wir steigen heute nicht in die Tiefen der Optionsthematik ein!
Vielmehr will ich die Strategie im Vergleich zum reinen Aktienkauf vorstellen und zeigen, dass der Ver(!!)kauf von Put-Optionen unter bestimmten Voraussetzungen defensiver sein kann als der direkte Kauf der Aktie.
Noch eine letzte Vorbemerkung: Nicht alle Broker erlauben Optionen zu verkaufen. Ich verweise zu dieser Thematik auf folgenden Artikel.
Die Nahrungsmittelindustrie
Nahrungsmittelaktien haben den Ruf, besonders defensiv zu sein. Die Theorie dahinter ist, dass sie als Teil des Bereichs Consumer Staples weniger konjunkturabhängig sind. Der Konsument spart im Zweifelsfall eher am neuen Auto als an seinen Mahlzeiten.
Demzufolge galten die Umsätze lange Zeit als gut prognostizierbar. Das führte häufig zu höheren Bewertungen als beim Gesamtmarkt. Damit gingen typischerweise einher:
stabile Nachfrage,
starke Marken,
hohe Preissetzungsmacht,
planbare Cashflows,
kontinuierlich steigende Dividenden.
Die Gewinne wuchsen oft stetig, aber unspektakulär, und die Aktiencharts sahen – hier am Beispiel von Nestlé und PepsiCo – bis 2022 beziehungsweise 2023 häufig so aus:
In den letzten Jahren hat sich die Situation jedoch verändert. Das Geschäftsmodell wurde von verschieden Seiten angegriffen. Dies lässt sich auch an den Charts erkennen, wenn wir den Zeitraum der obigen Charts bis heute erweitern.
Was sind die Probleme?
Die führenden Hersteller versuchten die gestiegene Kosteninflation aufgrund ihrer Preissetzungsmacht durch Preiserhöhungen durchzusetzen. Dies führte jedoch dazu, dass die Konsumenten ihr Verhalten änderten:
Verbraucher kauften kleinere Mengen.
Sie wechselten zu Handelsmarken.
Händler erhöhten den Druck auf die Hersteller.
Das Resultat war häufig kaum noch nominales Umsatzwachstum bei sinkenden oder stagnierenden Absatzmengen.
Etwas salopp gesagt: Die Unternehmen erhöhten die Preise – und der Konsument erhöhte im Gegenzug seine Geschwindigkeit auf dem Weg zum Aldi-Regal.
Zusätzlich hat sich das Konsumverhalten in den vergangenen Jahren verändert. Viele Verbraucher achten stärker auf Gesundheit, Zucker, Zusatzstoffe und den Verarbeitungsgrad ihrer Lebensmittel.
In den USA hat sich zudem Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. diesem Thema verschrieben. Er versucht, mit regulatorischem und gesellschaftlichem Druck gegen stark verarbeitete Lebensmittel und bestimmte Inhaltsstoffe vorzugehen.
Auf diese Veränderungen können die großen Hersteller nur langsam reagieren. Sie besitzen zwar genügend Kapital, um sich anzupassen. Ihre bestehenden Produktionsanlagen, Marken und Vertriebssysteme sind jedoch stark auf klassische Produkte ausgerichtet und der Umbau kostet Zeit und Geld.
Nestlé SA - das Unternehmen
Das Schweizer Unternehmen Nestlé ist eines der größten Nahrungsmittelkonzerne weltweit. Es ist breit diversifiziert und hat neben klassischer Nahrung auch Tiernahrung, Babynahrung und medizinische Ernährung im Sortiment. Bekannte Marken sind u.a. Nescafé, Nespresso, Purina, KitKat, Maggi oder auch BEBA.
Bis 2023 sind die Gewinne in Form der Earnings per share (EPS) wie an der Schnur stetig gestiegen. Wenn überhaupt, kam es nur gelegentlich zu einem Rückgangsjahr.
Seit 2022 ist diese Entwicklung jedoch ins Stocken geraten. Nachdem Nestlé 2022 und 2023 jeweils ein bereinigtes EPS von CHF 4,80 erzielt hatte, ging es 2024 leicht auf CHF 4,77 und 2025 deutlich auf CHF 4,42 zurück.
Drei Jahre ohne Gewinnwachstum sind für Nestlé historisch ungewöhnlich.
In 2025 wurde zwar ein organisches Umsatzwachstum von 3,5 Prozent erzielt. Davon kamen 2,8 Prozentpunkte aus höheren Preisen und lediglich 0,8 Prozentpunkte aus realem internem Wachstum, also Absatz und Produktmix. Dennoch führten Kostensteigerungen zu besagtem Rückgang der Gewinne. Zusätzlich drückte der starke Schweizer Franken auf das Ergebnis.
Nestlé ist zur Zeit kein klassisches Wachstumsunternehmen mehr. Dies hat auch dazu geführt das das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV oder PE) in den letzten Jahren neu eingepreist wurde.
Das Management scheint verstanden zu haben und will sich in Zukunft auf seine Kernbereiche konzentrieren. Schwächere oder weniger strategische Bereiche sollen verkauft beziehungsweise ausgelagert werden. Dazu gehören das Wassergeschäft und Premiumgetränke, Eiscreme sowie Teile des Vitamin- und Nahrungsergänzungs-Geschäfts. Durch die Portfoliobereinigung könnte die Verschuldung gesenkt und das das Unternehmen einfacher, profitabler und leichter bewertbar gemacht werden.
Wie es aussieht scheint die Umstrukturierung erste Früchte zu tragen. Nestlé erreichte im ersten Halbjahr 2026 ein organisches Wachstum von 3,6 Prozent. Für 2026 insgesamt wird von Analysten mit einem EPS von CHF4,50 wieder ein leichtes Wachstum erwartet. In den Folgejahren soll das Wachstum dann wieder etwas höher sein.
Die Richtung stimmt also. Von einer vollständig abgeschlossenen Trendwende kann man allerdings noch nicht sprechen.
Nestlé SA - die Aktie
Wenn wir etwas näher in den Chart zoomen, sehen wir dass der knapp dreijährige Abwärtstrend zunächst gestoppt werden konnte und wir uns jetzt in einer Konsolidierungsphase zwischen CHF72 und CHF85 befinden (lila Kasten).
Wenn es gut läuft und der Umbau weiterhin gelingt, sollte aus dieser Bodenbildung ein neuer Aufwärtstrend entstehen können.
Spricht man über die Aktie von Nestlé muss man natürlich auch über die Dividende sprechen. Nestlé ist hier in einem elitären Klub. Das Unternehmen hat seine Dividende in Schweizer Franken seit 66 Jahren nicht gesenkt, sondern mindestens stabil gehalten. Zuletzt wurde sie sogar 30 Jahre in Folge erhöht. Zur Zeit beträgt die Dividende CHF3,10.
Kommen wir zum klaren Anlageurteil:
Kann man machen.
Jedoch, Nestlé ist derzeit kein stetig wachsender Qualitätswert mehr, sondern ein großer Konzern in einer operativen Reparaturphase.
Die Aktie ist nach dem deutlichen Kursrückgang wieder vernünftig bewertet. Die operative Trendwende hat begonnen, ist aber noch nicht vollständig bewiesen.
Charttechnisch könnte man eventuell warten bis die Konsolidierungsphase nach oben verlassen wird.
Der Aktienkauf
Wie beschrieben, drängt sich ein Aktienkauf jetzt nicht zu Tausend Prozent auf. Dennoch ist die Dividendenrendite von knapp 4 % nicht zu verachten. Nestlé kann als defensive Dividendenaktie in einem diversifizierten Portfolio durchaus seine Berechtigung haben.
Ein Anleger könnte also zur Erkenntnis kommen sich 100 Aktien zu derzeit CHF80,70 ins Depot zu legen.
Dies würde zu einem Geldabfluss von CHF8.070 führen.
In der Hoffnung dass der “Turnaround” weiter gut verläuft, könnte zusammen mit der Dividende von 4% für die nächsten zehneinhalb Monate bespielhaft eine Gewinnerwartung von 8% realistisch sein, wobei dann die Kursgewinne 4% davon ausmachen würden.
Wenn es optimal läuft, könnte natürlich auch deutlich mehr drin sein.
Falls es schlecht läuft, kann die Aktie allerdings auch weiter fallen. Die Dividende verhindert keine Kursverluste. Sie macht sie nur ein wenig appetitlicher - um im Bilde zu bleiben.
Wie kann ich mit meiner klaren Unklarheit umgehen? Gibt es vielleicht noch einen Zwischenweg zwischen Kaufen und Verkaufen?
Bühne frei für den Put-Verkauf.
Verkauf von Put-Optionen
Wie schon an anderer Stelle erwähnt, kann man Optionen nicht nur kaufen, sondern auch als Verkäufer auftreten. Man spricht dann davon, eine Option zu schreiben – auf Englisch: to write an option.
Räumt die Option dem Käufer ein Recht ein, muss der Verkäufer eine Verpflichtung haben.
Ergo habe ich beim Verkauf einer Put-Option die Verpflichtung dem Käufer gegebenenfalls ein Aktienpaket zum vereinbarten Ausübungspreis abzukaufen. Dafür kassiere ich eine Optionsprämie, deren Höhe unter anderem von der Laufzeit, dem Ausübungspreis und der erwarteten Schwankungsbreite der Aktie abhängt.
Nehmen wir als Beispiel eine bis zum 18. Juni 2027 laufende Put-Option mit einem Ausübungspreis von CHF 80.
Ein Standardkontrakt auf 100 Aktien verpflichtet mich als Verkäufer der Option, 100 Nestlé-Aktien zu CHF 80 je Aktie zu kaufen, falls mir die Aktien aus der Option zugeteilt werden.
Die Verpflichtung beträgt damit insgesamt CHF 8.000.
Gleichzeitig kassiere ich die Optionsprämie, die mir sofort auf meinem Bankkonto gutgeschrieben wird. In unserem Beispiel nehmen wir eine Prämie von CHF 6,50 je Aktie beziehungsweise CHF 650 je Kontrakt an.
Bei einem cash-gedeckten Put halte ich die für eine mögliche Zuteilung erforderlichen CHF 8.000 auf dem Konto bereit. Ohne Berücksichtigung von Zinsen, Steuern und Gebühren entspricht die Prämie von CHF 650 für zehneinhalb Monate damit einer Rendite von:
CHF 650 ÷ CHF 8.000 = 8,13 %
Der Vergleich bei diversen Szenarien
Der Einfachheit halber betrachten wir zunächst nur das Ergebnis am Laufzeitende. Veränderungen der Optionsbewertung während der Laufzeit, vorzeitige Zuteilungen, Transaktionskosten, Steuern und Währungseffekte lassen wir außen vor.
Der Aktienkäufer erzielt Kursgewinne oder Kursverluste und erhält gegebenenfalls die Dividende.
Der Optionsverkäufer hat seine Prämie und eventuell ebenfalls Kursverluste, wenn er die Aktie aufgrund der Optionsverpflichtung mit CHF80 teurer ankaufen muss, als die Aktie gegebenenfalls am Markt notiert.
Daraus lassen sich folgende Gewinn-/Verlust-Szenarien bei verschiedenen ausgewählten Kursniveaus der Aktie gegenüberstellen, wobei die grünen Felder die Szenarien zeigen bei dem der Put-Verkauf im Vorteil ist:
Der Idealfall für den Optionsverkäufer liegt am Laufzeitende bei einem Aktienkurs von mindestens CHF 80.
In diesem Fall verfällt der Put normalerweise wertlos und der Verkäufer behält die vollständige Prämie. Ob die Aktie bei CHF 80, CHF 85 oder CHF 100 notiert, spielt für seinen Gewinn keine Rolle mehr.
Genau darin liegt allerdings auch der Nachteil: Steigt die Aktie stark, bleibt der maximale Gewinn des Put-Verkäufers auf die vereinnahmte Prämie begrenzt.
Aber auch wenn unsere positive Analyse zu Nestlé nicht aufgeht, muss das Optionsgeschäft nicht automatisch zu Verlusten führen.
Sinkt die Aktie nur leicht, kann die Optionsprämie den Kursverlust vollständig auffangen. Erst unterhalb des Break-even-Kurses von CHF 73,50 entsteht am Laufzeitende ein wirtschaftlicher Verlust.
Gegenüber dem direkten Aktienkauf zum Kurs von CHF 80,70 besitzt der Put-Verkäufer somit zunächst einen Risikopuffer.
Achtung Gefahr: Leverage!
Wie aus der Tabelle ersichtlich wird, kann ein cash-gedeckter Put gegenüber dem direkten Aktienkauf die defensivere Strategie sein.
Cash-gedeckt ist hier allerdings das entscheidende Wort.
Wenn ich Aktien kaufen will, muss ich im Normalfall das Geld auf dem Konto haben, um die Aktien erwerben zu können.
Bei Put-Verkäufen sollte ich ebenfalls genügend Geld beziehungsweise ausreichend liquide Mittel vorhalten, um meine Verpflichtung im Fall einer Zuteilung erfüllen zu können.
Und genau hier kann ein Problem schlummern.
Viele Broker erlauben es, Put-Optionen zu verkaufen, obwohl der Anleger nicht die vollständige Summe für den möglichen Aktienkauf bereithält. Stattdessen wird zunächst nur eine Sicherheitsleistung – die sogenannte Margin – verlangt.
Wie hoch diese ausfällt, hängt vom Broker, dem Kontomodell, der Aktie, dem Ausübungspreis und der aktuellen Marktvolatilität ab. Eine pauschale Aussage von 20% bis 25 % trifft daher nicht immer zu, ist aber eine grobe Orientierungsgröße.
Nehmen wir einen Anleger mit einem Depotwert von CHF 10.000.
Er könnte ungefähr 100 Nestlé-Aktien kaufen und hätte anschließend noch etwas Liquidität übrig.
Sein Broker könnte ihm jedoch möglicherweise erlauben, mehrere Put-Kontrakte zu verkaufen und damit Verpflichtungen für 200 oder 300 Aktien einzugehen.
Solange der Aktienkurs ruhig bleibt, sieht das sehr effizient aus. Fällt die Aktie deutlich, steigt jedoch regelmäßig die geforderte Margin. Der Anleger kann dann gezwungen sein, zusätzliches Kapital einzuzahlen oder Positionen zu ungünstigen Kursen zu schließen.
Aus einer vermeintlich defensiven Strategie wird so sehr schnell ein Leveraged Trade.
Ich rate daher dringend dazu, insbesondere am Anfang bei Put-Verkäufen nicht mit Leverage zu arbeiten.
Fazit
Der Verkauf einer cash-gedeckten Put-Option kann gegenüber einem direkten Aktienkauf im Vorteil sein.
Seine Stärke spielt der Put-Verkauf insbesondere dann aus, wenn sich die entsprechende Aktie seitwärts bewegt, moderat steigt oder leicht fällt. Nur bei einem deutlichen Kursanstieg ist der Put-Verkäufer klar im Nachteil, da sein Gewinnpotenzial auf die Optionsprämie beschränkt ist.
Wirklich defensiv ist die Strategie jedoch nur, wenn der Put vollständig durch liquide Mittel gedeckt ist und der Anleger die Aktie zum Ausübungspreis auch tatsächlich besitzen möchte.
Natürlich spielen während der Laufzeit auch Optionsparameter wie Theta, Vega und Delta eine Rolle. Mir ging es heute jedoch zunächst darum, die Grundidee des Put-Verkaufs vorzustellen und zu zeigen, warum diese Strategie unter bestimmten Voraussetzungen defensiver sein kann als ein unmittelbarer Aktienkauf.
Auf die Feinheiten von Optionen und auf die Besonderheiten dieser Strategie werde ich demnächst im Wissensbereich eingehen.
Disclaimer: Dies ist keine Anlageberatung. Die dargestellten Inhalte geben ausschließlich meine persönliche Meinung wieder und stellen keine Kauf-/Verkaufsempfehlung dar. Ich kann in den genannten Wertpapieren oder Derivaten investiert sein. Investitionen erfolgen auf eigenes Risiko.








