L5 - Chartanalyse - eine Auswahl für Einsteiger
Über Trends, Fibonacci, RSI und Moving Averages – und die Frage, was ein Hurrikan mit Chartanalyse zu tun hat
Einführung
1998 gab es den LTCM-Crash (LTCM: Long-Term Capital Management) mit Totalverlust für den entsprechenden Fonds. Die Fondsmanager waren ein bunter Haufen aus Nobelpreisträgern der Wirtschaftswissenschaften und anderen hoch dekorierten Personen. Sie hatten mathematische Modelle entwickelt, die an den Märkten tolle Ergebnisse erzielten – bis sie es nicht mehr taten. Ohne hier zu sehr in die Tiefe zu gehen: Das Problem war, dass vorhergesagte Korrelationen das unvorhersehbare Marktverhalten während der Russland-Krise nicht berücksichtigt hatten.
Warum ich das schreibe?
Trading ist keine Raketenwissenschaft. Im Gegenteil: Wenn man mir die Logik eines Trades nicht grob in ein paar Sätzen erklären kann, werde ich skeptisch. Oft liegt der Schlüssel in der Einfachheit.
Mittlerweile weiß ich, dass sich meine Leserschaft grob zweiteilt. Die eine Hälfte interessiert sich vor allem für Artikel über wirtschaftliche Zusammenhänge und Geopolitik, die andere Gruppe will ihr Trading aufs nächste Level bringen. Erstere sollten hier vielleicht aufhören und sich auf den nächsten Artikel freuen. Den anderen stelle ich im Folgenden einige wichtige Grundlagen der Chartanalyse vor, ohne dabei zu sehr in die Tiefe zu gehen. Frei nach dem Motto „keep it simple“ legen wir also los.
Definitionen
Mein letzter Artikel hatte sich bereits mit einem speziellen Teilbereich der Chartanalyse beschäftigt. Hier noch einmal, was ich diesbezüglich als Einführung zur Chartanalyse gesagt hatte:
Ein Preischart stellt auf der x-Achse (Waagerechte) die Zeit und auf der y-Achse (Senkrechte) den Preis dar.
Chartanalyse ist die Untersuchung von Kursverläufen in Charts mit dem Ziel, wiederkehrende Muster und Trends zu erkennen und daraus Schlussfolgerungen für die zukünftige Preisentwicklung zu ziehen. Die Grundidee ist, dass sich das Verhalten der Marktteilnehmer im Kursbild widerspiegelt und sich bestimmte Muster häufiger wiederholen.
Weiterhin bin ich schon auf Continuation Patterns und Reversal Patterns eingegangen. Erstere sind Chartmuster, die auf eine Fortsetzung des Trends schließen lassen.
Reversal Patterns dagegen unterstellen Muster, die auf eine Umkehr des bisherigen Trends hindeuten. Es gibt das bekannte Sprichwort: „A trend is your friend.“ Ergo: Reversal Patterns sind schwieriger zu handeln. Diese Erkenntnis hat mich durch vielfaches Fassen auf die Herdplatte einiges an Lehrgeld gekostet.
Weiterhin ist wichtig zu wissen, dass Chartverläufe auf verschiedene Weise dargestellt werden können. Bekannt sind etwa Liniencharts, wie ganz grob vereinfacht in Abb. 1 und 2. Diese führen die Schlusskurse zu einer fortlaufenden Linie zusammen.
Ich benutze dagegen Candlecharts. Diese geben mir zusätzliche Informationen. Die Kerzen (Candles) zeigen mir nicht nur den Schlusskurs, sondern auch Eröffnungs-, Hoch- und Tiefkurs des jeweiligen Tages. Aus den Tagesschwankungen lässt sich unter Umständen einiges herauslesen. So gibt es bestimmte interessante Kerzenformationen, die ebenfalls wiederkehrende Muster darstellen.
Gleitende Durchschnitte (Moving Averages)
Gleitende Durchschnitte glätten die Tagesschwankungen. Trader beachten hier vor allem die 200-Tage- und die 50-Tage-Linie. Warum genau diese? Eine Antwort könnte lauten: Weil sehr viele andere Trader sie auch beachten. An der Börse ist das gelegentlich schon Grund genug.
Noch ein kurzer Satz zur technischen Einstellung: Bei den Indikatoren der Charting-Seiten kann man die Anzahl der Tage bei „Length“ nach Belieben einstellen.
In der oben gezeigten Abb. 3 kann man die 200-Tage-Linie (grün) und die 50-Tage-Linie erkennen. Ein Durchbrechen dieser Linien wird von Tradern – ähnlich wie das bereits im vorigen Artikel vorgestellte Durchbrechen horizontaler Linien – beachtet. So könnten Trader beispielsweise das Durchbrechen der blauen 50-Tage-Linie beim S&P 500 vor wenigen Tagen aus eben zitierter Abb. 3 bei 6.786 getradet haben und einen Stop-Loss kurz darunter gesetzt haben, falls sich der Durchbruch als Fehlsignal herausgestellt hätte.
Fibonacci
Fibonacci war ein italienischer Rechenmeister und Kaufmann aus dem 12. Jahrhundert. Ich habe einmal ein ganzes Buch über Fibonacci-Analyse gelesen. 250 Seiten! Ist eine Weile her. Was als Einziges hängen geblieben ist: zwei Schritte vor, einen zurück. Aber im Ernst: Die Fibonacci-Folge ist eine unendliche Reihe von Zahlen, bei der sich jede Zahl aus der Summe der beiden vorangegangenen Zahlen ergibt (z. B. 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13 …).
Interessanterweise kann man diese Formen auch in der Natur wiederfinden, wie z.B. im Auge eines Hurrikans.
Was bringt uns das für die Chartanalyse? Fibonacci-Analysen gehen von natürlichen Bewegungen aus. Im Folgenden sieht man eine Fibonacci-Rücksetzzone. Solange sie nicht durchbrochen wird, ist der Trend intakt.
Ein Trader würde im obigen Beispiel (Abb. 6) im Bereich des roten Kreises in Platin einsteigen und seinen Stop-Loss bei einem Bruch kurz unter die Fibonacci-Zone setzen - also unterhalb der grünen Fläche. In unserem Beispiel also bei ca. 1.750 USD. Interessanterweise verläuft hier auch ungefähr die 200-Tage-Linie, so dass man ein doppeltes Signal hat.
Momentum
Die Momentum-Analyse im Trading untersucht die Geschwindigkeit und Stärke von Preisbewegungen, um festzustellen, ob ein Trend noch intakt ist oder an Kraft verliert. Der Relative Strength Index (RSI) ist dabei ein spezieller Indikator, der Kursgewinne mit Kursverlusten ins Verhältnis setzt, um durch Werte über 70 oder unter 30 überkaufte oder überverkaufte Marktzustände anzuzeigen (siehe Lila-Bereich in folgender Abbildung). Die jeweiligen “Über”-Bereiche werden häufig durch Mean Reversion korrigiert, so dass beispielsweise bei stark überkauften Preisen mit Rücksetzern zu rechnen ist.
Fazit
Dies war eine kurze Abhandlung über die wesentlichen Themen, die ich aus dem Bereich der Chartanalyse vor allem benutze. Wer tiefer einsteigen will: Es gibt unzählige Bücher. Allein TradingView hat über 100 verschiedene Indikatoren.
Grob gesagt, geht es vor allem darum Muster zu identifizieren und darauf zu setzen, ob ein interessanter Bereich -beispielsweise gleitende Durchschnitte, horizontale Linien, Fibonacci-Zonen- durchbrochen wird oder ob diese Zonen halten. Dennoch ein weiteres Mal in aller Deutlichkeit: Chartmuster sind keine Gewissheit. Fehlsignale sind häufig. Wichtiger als die Chartmuster ist meines Erachtens ohnehin das Risikomanagement.
Chartbasiertes Trading ist vermutlich für Anfänger einfacher zu erfassen. Es spielt nämlich kaum eine Rolle, ob man eine komplexe Finanzaktie tradet oder Kontrakte auf Schweinebäuche oder Orangensaft. Im Gegenteil: Bei meinen Breakout-Trades versuche ich immer, möglichst wenig über den Titel zu wissen, damit meine fundamentalanalytische Gehirnhälfte mir beim reinen Charttrading möglichst nicht dazwischenfunkt.
Wie schon an anderer Stelle erwähnt, ist reines Charttrading für mich eher ein Nebenerwerb. Dennoch benutze ich Chartanalyse auch bei meinen größeren Trades -hier vor allem als taktisches Tool- und kombiniere sie mit Fundamentalanalyse, Makro und Positionierungen. Grundlagen der Fundamentalanalyse werde ich im nächsten Artikel vorstellen.
Disclaimer: Dies ist keine Anlageberatung. Die dargestellten Inhalte geben ausschließlich meine persönliche Meinung wieder und stellen keine Kauf-/Verkaufsempfehlung dar. Ich kann in den genannten Wertpapieren investiert sein. Investitionen erfolgen auf eigenes Risiko.








