L4 - Der CON-Trade – Chartanalyse und Risikomanagement in praktischer Anwendung
Kann es denn so einfach sein? - Wie eine leichte Technik mein Selbstverständnis zerstört hat
Vorbemerkung: Dieser Artikel unterscheidet sich von meinen bisherigen Artikeln. Ich gehe Schritt für Schritt einen Trade anhand von Charttechnik unter Management des Risikos durch. Wessen Sache das nicht ist, sollte gleich zum Abschnitt “Risikomanagement” springen.
Chartanalyse: Ein methodischer Ansatz für Wochenend-Krieger
Ein Preischart (siehe Abb. 1 unten) stellt auf der x-Achse (Waagerechte) die Zeit und auf der y-Achse (Senkrechte) den Preis dar.
Chartanalyse ist die Untersuchung von Kursverläufen in Charts mit dem Ziel, wiederkehrende Muster und Trends zu erkennen und daraus Schlussfolgerungen für die zukünftige Preisentwicklung zu ziehen. Die Grundidee ist, dass sich das Verhalten der Marktteilnehmer im Kursbild widerspiegelt und sich bestimmte Muster häufiger wiederholen.
Wie gesagt: Ich komme eher aus der Ecke der Fundamentaldaten. Mich in Themen einzuarbeiten, Zusammenhänge zu erkennen und Zahlen zu verstehen, war und ist genau mein Ding. Umso härter war es für mein Selbstverständnis, zu erkennen, dass es auch Methoden gibt, die mit deutlich weniger Aufwand zu guten Ergebnissen führen können.
Dies vorweg gesagt: Bühne frei für Peter Brandt.
Unter Anlegern ist die legendäre Interview-Reihe von Jack Schwager Pflichtlektüre. In mehreren Büchern stellt er dort die sogenannten Market Wizards vor – Trader, Investoren und Fondsmanager, die über Jahrzehnte hinweg auf ganz unterschiedliche Weise außergewöhnlichen Erfolg erzielt haben. Peter Brandt ist einer von ihnen.
Brandt handelt fast ausschließlich auf Basis von Chartmustern. Er ist auch auf X (ehemals Twitter) aktiv, und auf YouTube finden sich zahlreiche Interviews mit ihm. Was mich an seinem Ansatz fasziniert: Er arbeitet konsequent methodisch. Sonntags schaut er sich seine Charts an, platziert gegebenenfalls Kauf- oder Verkaufsorders – und das war’s. Keine Emotionen, kein Zögern, kein Hin und Her. Besonders gern handelt er Breakout-Trades aus horizontalen Rechtecken.
Der Breakout-Trade
Chartanalyse sollte regelbasiert, also methodisch sein. Wie gesagt versucht man anhand eines Kurscharts, Muster zu erkennen und daraus Schlussfolgerungen abzuleiten. Einer dieser Ansätze ist der Breakout aus horizontalen Konsolidierungszonen.
Continental AG (CON) kam aus einem Aufwärtstrend und bewegte sich seit Mai 2025 in einer Seitwärts-Range zwischen der unteren Unterstützung bei 53,63 und dem oberen Widerstand bei 59,45. Beide Linien wurden mehrfach getestet und hielten stand (Abb. 1, grüne Punkte).
Unterstützungslinien markieren in der Regel Preiszonen, in denen immer wieder Käufer in den Markt kommen. Widerstandslinien hingegen zeigen demnach Bereiche, in denen der Markt signalisiert: Ab hier wird die Aktie als zu teuer angesehen. Werden solche Linien nachhaltig durchbrochen – also per Breakout –, dann steckt dahinter häufig eine neue Preisdynamik. Bei CON war das am 17. Oktober 2025 der Fall (blauer Pfeil).
Ich habe meinen Kauf bei 60,67 platziert. Warum erst dort? Ich möchte sicherstellen, dass der Breakout tragfähig ist und die Aktie nicht nur kurz über die Widerstandslinie „hinwegschnuppert“. Mein Stop-Loss liegt bei 57,89. Das bedeutet: Fällt der Kurs unter dieses Niveau, wird die Position konsequent wieder verkauft.
Was bedeuten die anderen Punkte?
Grün bei 67,62 ist mein Gewinnrealisierungsfenster. Die grauen Punkte stellen eine zusätzliche Verfeinerung meines Setups dar: Wird 63,45 überschritten, ziehe ich meinen Stop-Loss auf 61,37 nach. Ab diesem Moment sollte ich mit dem Trade keinen Verlust mehr machen.
Wie kommen diese Werte zustande?
Ich teile die Konsolidierungszone zwischen den roten Linien in vier gleich große Abschnitte auf (blaue Linien in Abbildung 2). Diese Viertelung dient als Grundlage für die Ableitung meiner Handelsmarken.
Kaufzone: Ein Viertel oberhalb der Konsolidierungszone → 60,67
Stopp-Loss: Ein Viertel innerhalb der Konsolidierungszone → 57,89
Zwischenziel / Stopp-Anpassung: weiterer definierter Schwellenwert → 63,45 / 61,37
Gewinnziel: entsprechend nach oben projizierte Zielzone → 67,62
Das Vorgehen ist also nicht willkürlich, sondern folgt einer klaren Systematik.
Das Risikomanagement
Nehmen wir an, für mich wären 500 Euro Verlust pro Trade akzeptabel. Gleichzeitig ist definiert, dass ich bei 60,67 kaufe und bei 57,89 den Verlust realisiere (Stopp-Loss). Mein maximales Risiko pro Aktie beträgt also 2,78.
Wenn ich bereit bin, insgesamt maximal 500 Euro zu riskieren, kann ich daraus meine Positionsgröße berechnen:
500 / 2,78 = 180 Aktien
Damit ist das Risiko sauber begrenzt und die Positionsgröße nicht dem Bauchgefühl überlassen.
Sollte das Kursziel bei 67,62 erreicht werden, würde der Gewinn bei rund 1.250 Euro liegen – also beim 2,5-Fachen des Risikos. Anders ausgedrückt: Ich riskiere 1R (500 Euro), um 2,5R (1.250 Euro) zu verdienen.
Wie ist der Trade ausgegangen?
Das Ziel bei 67,62 wurde erreicht.
Der Trade hat also funktioniert – aber wichtiger als das einzelne Ergebnis sollte etwas anderes hängen bleiben: Der gesamte Ablauf war von Anfang bis Ende klar definiert. Einstieg, Stopp, Anpassung, Ziel und Positionsgröße standen vorher fest.
Handlungsmöglichkeiten
Noch einige Ergänzungen zum Breakout-Trading: Nach bisherigem Kenntnisstand funktionieren vor allem solche Chartbilder besonders gut, bei denen die Begrenzungslinien mehrfach in beide Richtungen angelaufen und bestätigt wurden – idealerweise mit mindestens drei klaren Kontaktpunkten und über einen längeren Zeitraum hinweg.
Viele Trader bevorzugen Continuation Patterns, weil sie in Richtung des übergeordneten Trends handeln. In meinen bisherigen Beobachtungen waren diese Setups robuster als Reversal Patterns. Zur Verdeutlichung: CON kam beispielsweise aus einem Aufwärtstrend und ist anschließend nach oben ausgebrochen (Continuation).
Empfehlenswert ist außerdem, ein Trading-Logbuch zu führen. Wer seine Trades sauber dokumentiert, kann daraus im Nachgang wertvolle Erkenntnisse gewinnen, seine Methode per Backtesting überprüfen und den eigenen Ansatz Schritt für Schritt verfeinern. Ein Beispiel könnte die Frage sein, ob anstatt von 2,5R eine höhere Gewinnzone besser funktionieren könnte.
Quartalszahlen-Roulette und andere Sorgen
Ein weiterer, aber entscheidender Punkt: Vorsicht bei Quartalszahlen – nicht umsonst spricht man manchmal auch von der Earnings-Handgranaten-Saison. Es kann jederzeit passieren, dass eine Aktie nach schwachen Zahlen außerhalb der regulären Handelszeit am Folgetag deutlich tiefer eröffnet. In so einem Fall wird der eigene Stopp-Loss-Kurs unter Umständen übersprungen, und der realisierte Verlust fällt höher aus als geplant. Deshalb gilt gerade am Anfang: lieber kleiner starten und das Risiko bewusst begrenzen.
Alle Marken im Setup werden vorab definiert; in der praktischen Umsetzung können jedoch Slippage, Gebühren und eben Kurslücken das Ergebnis beeinflussen.
Wie hat die eigentlich Strategie performt?
In den letzten vier Monaten hatten wir einen Gesamtmarkt, der sich seitwärts bewegt hat. Das übergeordnete Marktregime war demnach neutral. Ich habe ausschließlich long und ausschließlich Continuation patterns getradet. Von 36 durchgeführten Trades waren 38 Prozent verlustreich. Das heißt: Bei diesen Trades bin ich bei -1R ausgestoppt worden, in unserem Beispiel also mit minus 500 Euro. Insgesamt habe ich mit der Methodik eine Rendite von 3,1 Prozent erzielt, was auf das Jahr hochgerechnet etwa 9 Prozent entspräche.
Das klingt zunächst unspektakulär. Berücksichtigt man jedoch, dass wir uns in einem neutralen Marktregime befanden, ist das Ergebnis durchaus respektabel.
Abschließende Bemerkungen
Damit steht zunächst das technische Fundament. In Aktuelle Themen werde ich künftig immer wieder spannende Charts vorstellen und dabei tiefer in die Charttechnik einsteigen. In Lektion 5 runde ich das Thema dann ab. Systematisches Chart-Trading ist für mich jedoch nicht das eigentliche Kerngeschäft. Meine zentrale Herangehensweise werde ich in einem späteren Beitrag noch genauer erläutern.
Wichtig in diesem Zusammenhang auch: Märkte sind dynamisch. Strategien funktionieren, bis sie es nicht mehr tun. Es ging mir in diesem Artikel auch an sich gar nicht so sehr um die spezielle Breakout-Strategie sondern eher darum einen methodischen Ansatz vorzustellen. Vielleicht sind es in Zukunft andere Chartmuster, die eine Zeit lang funktionieren werden.
Generell funktionieren Long-Setups – also Ausbrüche nach oben – meist besser als Shorts. Nochmal in Erinnerung rufen: Der Markt will immer nach oben bzw. stetig rauf geht’s auf der Rolltreppe, ab und zu runter im Fahrstuhl. Da mein base case (Grundannahme) für die nächsten Wochen allerdings vorsieht, dass wir von einem neutralen Regime in ein bear market regime wechseln, könnten -solange dieses Regime andauert- Ausbrüche nach unten besser funktionieren.
Und zum Schluss noch mein häufiges Kernthema: Statistik. Chartmuster liefern keine Gewissheiten, sondern Wahrscheinlichkeiten.
Disclaimer: Dies ist keine Anlageberatung. Die dargestellten Inhalte geben ausschließlich meine persönliche Meinung wieder und stellen keine Kauf-/Verkaufsempfehlung dar. Ich kann in den genannten Wertpapieren investiert sein. Investitionen erfolgen auf eigenes Risiko.







